Essays

Die Geschichten der Anderen sind wichtiger als je zuvor

Ein Vorschlag zum Umgang mit dem modernen Kriegsshooter.

Anfang November erscheint Call of Duty: WW2 und wird eines der bekanntesten und kommerziell erfolgreichsten Franchises der Videospielwelt in den Zweiten Weltkrieg führen. Wie das aussehen könnte, zeigt der Blick auf ältere Ableger der Reihe: 2003 betrat das erste Call of Duty erstmals die virtuellen Schlachtfelder des Weltkonflikts und begeisterte Kritiker mit seiner damals völlig neuartigen, kinoreifen Inszenierung, die den Spieler als einfachen Soldaten immer wieder mit schockierenden Szenen konfrontierte. Kameraden um uns herum starben im MG-Feuer, auf keinen der vier Soldaten, in deren Haut wir schlüpften, wartete ein echtes Happy End und die Wehrmacht war nicht das personifizierte, dämonische Böse, sondern “die auf der anderen Seite des Grabens”.

Trotzdem ist Call of Duty 1 weit davon entfernt, eine historische Dokumentation in spielbarer Form zu sein. Immer wieder verschieben Action-Sequenzen und aufgesetzt wirkender Galgenhumor das Spielerlebnis hin zum Popcorn-Kino und mindern die Wirkkraft der Szenen, die wir noch vor ein paar Minuten erleben mussten. So nehmen wir beispielsweise nach der dramatischen und verlustreichen Eroberung eines französischen Städtchens an dem halsbrecherischen Versuch teil, mit einem Auto die Frontlinie der Wehrmacht zu durchbrechen, um das Hauptquartier der US-Armee zu erreichen.

Slapstick-Humor und ein komödiantisches Duo begleiten die Szenen, in denen wir im Vorbeifahren dutzende Soldaten erschießen und sogar erfolgreich vor einem Panzer fliehen können. Es sind Missionen wie diese, die “Action-Achterbahn” zu einem vielzitierten Prädikat des Franchises und Call of Duty nie zu etwas anderem, als zu mitunter schweren, aber überwiegend wortwörtlich genießbaren Actionunterhaltung gemacht haben.

Call of Duty: WW2 hat 13 Jahre später nun den Anspruch, genau das zu ändern. Von Respekt und Realismus als Leitgedanken während der Entwicklungsarbeit ist die Rede, die Geschichte soll sich um den einfachen Infanteristen drehen, nicht die Heldentaten eines Kriegsheroen. Die Perspektive eines Wehrmacht-Soldaten dürfen wir trotzdem nicht einnehmen, weiterhin wird die Geschichte der Sieger erzählt, die von einem jungen, weißen Texaner moderiert wird, der immerhin für kurze Abschnitte den Federkiel an eine Kämpferin der Resistance abgibt, aber nur am Rande vom überbordenden Rasssismus innerhalb der US-Armee erfährt und im Multiplayer auf Nazi-Zombies schießt. All das riecht nach einer konformen Weltkriegsgeschichte. Und auch die Bildsprache des ersten Trailers ist alles andere als subtil.

Vielleicht bin ich mit dieser Beschreibung ein wenig zu harsch, ja. Doch viel Vertrauen in die Einzelspielerkampagne von Call of Duty: WW2, den richtigen Ton zwischen der AAA-Verpflichtung zur Unterhaltung und dem respektvollen Umgang mit dem historischen Krieg zu treffen, habe ich bisher nicht. Egal, welche Informationen in den kommenden Monaten bis zum Release noch veröffentlicht werden, eines steht bereits fest: Sledgehammer Games wird ein weiteres Mal die Geschichte der Sieger erzählen und allein diese Prämisse ist Grund zur Sorge, nicht etwa nur Grund zum genervten “Ich wusste es, typisch AAA-Spiele”-Kopfschütteln.

Denn Kriegsspiele wie Call of Duty oder Battlefield erreichen mittlerweile hunderttausende Spieler und formen unseren Blick auf die Geschichte. Nicht zuletzt ist es beispielsweise genau dieser Gedanke, der die Historikerin Holly Nielsen dazu bringt, Call of Duty: WW2 zum vielleicht wichtigsten Spiel für Geschichtsforschende der jüngeren Vergangenheit zu erklären:

What developers have discovered is historical videos games have considerable emotive appeal, tapping into the shared cultural consciousness of players. Although those unfamiliar with games might recoil at the idea (the word “play” still conjures notions of frivolity and triviality) engaging with tragic or violent historical events through a medium that allows for interactivity can provide an enormous opportunity for better understanding and empathy.

Games don’t always get it right, of course. Battlefield 1 garnered a lot of praise for its handling of the human cost of WWI, but the marketing often seemed unaware of its source material adding inappropriate hashtags to screenshots and attempting to crate memes out of historically charged imagery. These uncomfortable slip-ups are often read as a sign that games aren’t “mature” enough to be examined by historians – but they actually provide evidence that there needs to be a discourse.

Daraus ergibt sich zum einen die Wichtigkeit der Kritik an Spielen wie Call of Duty: WW2 und die genaue Betrachtung, wie diese Titel die großen Konflikte unserer Zeit bearbeiten. Doch im Sperrfeuer der konstruktiven Knitteleien sollte nicht der große Luxus übersehen werden, den die moderne Spielelandschaft bietet. Hier schreiben schon lange nicht mehr nur die Sieger die Geschichte, sondern auch die Verlierer – nur müssen wir ihnen auch zuhören. Es sind diese Gegengewichte zur Einseitigkeit der AAA-Unterhaltung, die noch vor 10 Jahren kaum präsent waren.

Als ein solches Gegengewicht zu Call of Duty: WW2 könnte sich das Spiel Attentat 1942 herausstellen, das erst vor einigen Wochen erfolgreich das Steam-Greenlight-Programm hinter sich ließ und nun einem Release Ende des Jahres entgegenblickt.

Dieses Spiel mischt die Genre-Konventionen von Point’n’Click-Adventures mit den Techniken einer Dokumentation und erzählt eindringlich die Geschichte der Menschen, die unter der Nazi-Besatzung in der ehemaligen Tschechoslovakei leben mussten.

You discover that your grandfather was arrested by the Gestapo shortly after the assassination of Reinhard Heydrich, ruler of the Nazi-occupied Czech Lands and leading architect of the Holocaust. You struggle to discover why your grandfather was arrested after the attack.

What role did he play in the attack? Why didn’t he tell his family? Was he brave or reckless to endanger their lives by becoming a resistance fighter?

Der Lead Designer und Chef des tschechischen Entwicklerteams, Vít Šisler, baut diese Spielidee auf zahlreichen Interviews, persönlichen Erinnerungen und Gesprächen auf. Direkt blicken die Frauen und Männer in die Kamera, ihre Gesichter sind voller Schmerz, Leid, Mitgefühl, aber auch Glück, während sie von ihrer Rolle während des Krieges erzählen. Und nicht nur Opfer der Besatzer kommen in Attentat 1942 zur Sprache.

Auch Nutznießer, Verbindungsmänner, Informanten und Spione, die der Wehrmacht bei ihren regelmäßigen Hausdurchsuchungen halfen, stellen sich unseren Fragen und versuchen, ihre Perspektive zu erklären.

Ein Team aus geschulten Historikern recherchierte für das Spiel in den Archiven der am Krieg beteiligten Nationen, zeichnete Interviews mit Überlebenden auf und konservierte damit eine Perspektive auf den Weltkrieg, der in Spielen wie Call of Duty: WW2 unter dem Gebot der Unterhaltung ausgeblendet wird.

Ja,es gibt sie, die Geschichten der Anderen, die die Erzählung der wichtigsten Momente der Weltgeschichte nicht nur einer Stimme überlassen. Statt also all unsere Energie nur darauf zu verwenden, dieser einen lauten Stimme entgegenzubrüllen, sollten wir auch den Stimmen Gehör schenken, die bereits die richtigen Worte gefunden haben. Das erscheint mir der angemessene Weg zu sein, wie wir auf den modernen Kriegsshooter der Marke CoD, Battlefield & Co. zugehen sollten.

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